BERICHT – DAY 3: „GRENZEN“

BERICHT – DAY 3: „GRENZEN“

Spiegelglatt war das Wasser, als ich mit dem Sonnenaufgang aus meiner Koje rollte. Spontan gleite ich ins Wasser, ich meine, wenn ich schon mal wach bin. Es liegen fünf Schiffe in der großen Bucht, genug Platz für alle. Ich bin der einzige Mensch, der durch die Gegend dümpelt. Ich denke an einen Manöverschluck… um 6 Uhr morgens: Ich glaub, es hackt!
Ein paar Stunden später hat es dann auch wirklich gehackt, so nennt man das wohl in Seglerkreisen, wenn einem Wind und Wellen unbedingt Respekt einflößen wollen. Das schaffen die heute locker, und das war es dann wohl auch mit der Idee „die Segler“ zu sein. Wir sind nervös und machen ein paar eigenartige Dinge, zu schnell, zu unüberlegt – hektisch. „Mal angenommen, wir würden es schaffen Ruhe auszustrahlen, was würden wir tun?“ Der Coach wieder, mit einer seiner Fragen.
Sie hilft ein wenig und wir einigen uns alle darauf, dass wir einfach die Anweisungen des Skippers befolgen. S meint, wenn es im Job plötzlich streng wird, besinnt sie sich kurz darauf, was sie und ihr Team können, welche Stärken sie von sich kennen und wie sie auf plötzlich veränderte Umstände reagieren. Wir hören gebannt zu und sind inspiriert. Das haut S fasst um. Das kennt sie nicht, dass ihr andere Kollegen auf derselben Unternehmensebene zuhören. Wir werden später am Abend noch mal darauf zurück kommen, jetzt geht´s erst mal raus aus der ruhigen, glatten Bucht – es hackt!
Wir lernen, dass wir nicht soviel Segelfläche brauchen und das man den Vorgang reffen nennt.
Was ist mit dem Skipper los? Er schreit seine Anweisungen und er mahnt manchmal einfach schneller zu reagieren. What? Gestern war der Ton noch ein ganz anderer, er kam mir freundlicher vor. Ich glaub, ich mag den Coach lieber. „Schrei mich nicht so an!“ M schreit und schaut mich dabei an als hätte ich ihm sein Lieblingsspielzeug weggenommen. What? Wenn ich normal rede macht er nicht was ich will, und ich kann meine Aufgabe nicht erfüllen. Dass es bei höherer Windstäke wesentlich lauter ist, fällt mir jetzt erst richtig auf, und die Distanz von 2 Meter ist gefühlt ewig weit weg. Skipper, ich versteh dich – wir sind wieder Freunde! Wir segeln einen sogenannten „langen Schlag“, die Crew ist aufgefordert  für den Gewichtstrimm auf der Luv Seite zu sitzen. Wir haben Zeit und ich kläre die Kommunikation mit M. Wir beschließen, dass dies ein Manöver war, welches  abends mit dazu gehörigem Schluck beendet wird.
Der Ton macht die Musik – die Umstände machen den Ton. Spannend. Niemand übernimmt heute proaktiv das Ruder, bis wieder eine dieser Fragen auftaucht: „Mal angenommen, ihr würdet euch jetzt an eine Situation erinnern, in der ihr extrem mutig gewesen seid, …“ P A U S E, und gerade als ich Fragen wollte, wie es weiter geht: „… wer würde als erstes das Ruder übernehmen und wer als nächstes?“ Ich weiß nicht, ob der Coach mich nervt oder ob ich ihn mögen soll. Egal, ich melde mich – MUT!  

Das Anlegemanöver bei dieser Windstärke ist eine Geschichte für sich und wir wissen nun, warum man es auch Hafenkino nennt. Irgendwie schaffen wir es mit vereinten Kräften sicher an der Mole fest zu machen, ohne etwas oder jemanden zu beschädigen. Durchatmen – der Boss ist sichtlich zufrieden, und wir sind es auch. Ich glaube, wir passen nicht mehr in unsere T-Shirts, wegen der geschwellten Brust. Wir haben heute viel zu bereden, einige Manöverschlucke offen, und eine lange, heiße Dusche zu genießen. Das ideale Restaurant ist schnell gefunden, die Stimmung könnte besser nicht sein und M fällt auf, dass niemand nur einen Hauch seekrank geworden ist, trotz dieser Bedingungen heute. Wir diskutieren, ob dies auch ein Manöver sein könnte und  beschließen: das ganze Leben ist Manöver.

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